Im Anschluss an ihre Tage in der Wachau haben sie sich mit ihrem Büro-Kollegen Michael Obrist über Wohnraumfragen und das Spezielle der Donau ausgetauscht. Jetzt erzählen Michael und Anne Catherine von ihren gemeinsamen Ideen, wie sich das Welterbe Wachau anders entdecken und in die Zukunft tragen lässt, wenn man auch hinter die idyllische Bühne schaut.
Wo wart ihr bei eurer Vakanz stationiert, wie lange und wie habt ihr die Wachau vermessen?
Anne Catherine: Wir waren ein bisschen abseits von Spitz einquartiert und waren von einem Sonntag bis Dienstag mit dem Rad unterwegs. Die erste Tour haben wir von Melk bis Spitz gemacht, dann die erste Fährenüberfahrt. Am ersten Tag sind wir auch oben beim Roten Tor spaziert, wo du dieses idyllische Bild hast: Die Donau und Weinreben, den Blick über Spitz. Dann sind wir Richtung Krems gefahren und haben wieder eine Fähre genommen. Wir waren ohne klares Ziel unterwegs, um zu schauen, was uns auffällt, uns vielleicht auch irritiert.
Wir haben uns auch mit der Welterbemanagerin Ingeborg Hödl getroffen und gemeinsam diskutiert, wie sich die Landschaft der Wachau entwickelt, was Zukunftsfragen sind. Als wir mit ihr zum Heurigen gegangen sind, haben wir dort mit einem Gast gesprochen, der in Spitz aufgewachsen ist, zum Arbeiten nach Wien ging und jetzt wieder zurückgezogen ist. Er gab uns ein realistisches Bild vom Alltag, das hat für uns neben der Postkartenidylle ein anderes Licht auf Spitz geworfen.
Ein Schwerpunkt bei feld72 ist angewandter Urbanismus, wobei die Wachau weniger für urbane, denn für idyllisch-ländliche Strukturen bekannt ist. Was heißt das für die Menschen, die dort leben?
Michael: Wegen der Donau war die Wachau immer ein Durchgangsraum – nicht das Zentrum der Welt, aber trotzdem hat die Donau Ströme von Menschen hingebracht. Heute fahren Radfahrer durch, die Donautourismus machen, und Güterschiffe. Das macht den Raum auch faszinierend: Einerseits steht er so gut wie still, andererseits fließt vor ihm alles dahin.
Ein beobachtbares Phänomen ist allgemein: Städte wurden über Jahrhunderte zu Knotenpunkten, der ländliche Raum hat sich aufgelöst. Aber mit neuen Mobilitätsszenarien und Tourismus entstehen neue Möglichkeiten, nach der Landflucht zurückzugehen. Ein Grund für die Sehnsucht nach Rückkehr in der Wachau ist auf jeden Fall die Schönheit der Landschaft. Sie macht den Raum auch touristisch wertvoll, das bringt aber auch Konflikte, der Quadratmeter erfährt eine große Wertsteigerung. Der Markt von Wohnräumen am Land hat sich verändert. Interessant ist: Wer sind die Menschen vor Ort, die geblieben sind, die zurückkehren, wo sind die jungen Menschen, die bereit sind, dort zu bleiben? Gibt es für sie Starterwohnungen?
Schon 2002 haben die Architekt:innen von feld72 begonnen, an der Schnittstelle von Architektur, angewandtem Urbanismus und Kunst darüber nachzudenken: Was sind die Potenziale von Orten und Räumen? Die Fragen des öffentlichen Raums und des geförderten Wohnbaus, die bei ihren Projekten meist im Zentrum stehen, nahmen sie auch in die Wachau mit. Wo kommen hier Leute zusammen, welche Orte gibt es für sie, welche Räume braucht es? Wie fügt sich die bestehende Architektur in Transformationsprozesse ein?
In einem Instagram-Post von der Vakanz sagt ihr: „Die Wachau stellt eine große, schöne Ablenkung dar, der man nicht erliegen darf“.
Michael: Eine Grundfrage beim Tourismus ist: Wie kann die Authentizität erhalten bleiben? Das Spannende an diesen Orten ist, dass der Alltag gleichzeitig zeitgenössisch als auch entschleunigt sein kann. Wenn man hinter die Bühne – das spezielle Landschaftsbild mit dem gigantischen Strom, der alles überlagert -, schaut, sieht man ganz verschiedene Lebensrealitäten. Wie kann man also zwischen der Bühne und dem Backstage Möglichkeiten entwickeln? Wie finden Leute, die dazukommen, Platz in Dorfgemeinschaften, wie kann hier ein soziales Gefüge auch mit Neuem entstehen? Wir alle von feld72 sind in kleineren Strukturen sozialisiert worden und kennen das Gute und Schlechte davon.
Ihr beschäftigt euch mit Fragen des öffentlichen Raums. Wie gestaltet er sich in der Kulturlandschaft Wachau?
Michael: Ich glaube, dass in den kleinen Dorfstrukturen der Wachau die Zivilgesellschaft stärker mitgetragen wird. Hier sind alle schnell gefordert, einander zu helfen, die Leute sind stärker eingebunden als in einer Stadt.
Anne Catherine: Allgemein in der Wachau und spezifisch in Spitz sind die Treffpunkte oft Vereine, die Feuerwehr, der Wassersportclub. Auch haben viele eine Zille und damit wird die Donau zum öffentlichen Raum. Der Fluss hat einen starken Identifikationswert, die Menschen nutzen ihn und treffen sich auch am Ufer.
Wie schafft man den Spagat, das Welterbe zu erhalten und einen Lebensraum für die Zukunft zu gestalten?
Michael: Bewahren von Bestand und Transformation ist aktuell ein fundamentales Thema. Das hat auch in der Wachau mit der Frage zu tun: Gibt es Leerstand, der schon da ist? Gleichzeitig kann man sagen: Jedes Jahrhundert sollte die Fähigkeit haben, neue Objekte und Strukturen zu entwickeln, auf die man noch im nächsten Jahrhundert mit Freude schauen kann. Es geht also darum, vorhandene Objekte als Zeitzeugen zu akzeptieren und gleichzeitig sollten wir uns nicht verstecken, wenn wir etwas Neues machen wollen. Was stelle ich rein, mit dem ich die Landschaft nicht zerstöre, wie gehe ich zum Beispiel mit den Weinbergstrukturen um? Leerstandsfragen sind auch mit der Besitzfrage verbunden – wem gehört das, wie kann man mit vorhandenem Raum günstige Angebote schaffen, auch Jüngeren mit weniger Kaufkraft – und mit Fragen von Commoning – wie kann man Räume transformieren und der Bevölkerung bereitstellen? Die meisten, die in die Wachau zurückkehren, wollen ja auch Teil sein, und vielleicht etwas gemeinsam betreiben, ob ein neues Dorfgasthaus oder eine Werkstatt. Das braucht eine Allianz von Leuten vor Ort und von außen, weil ich glaube: die Geschichte der Wachau ist eine der Zusammenkunft und des Austauschs.
Anne Catherine: In Spitz gibt es jedenfalls Leerstand, das haben wir auch diskutiert und die Häuser von außen angeschaut, da ist Potenzial.
Die Donau hat immer schon Ströme von Menschen in der Wachau zusammengebracht, sagt Michael Obrist. Für den Gründungspartner von feld72 Architekten ist die Wachau durch eben diesen gigantischen Strom immer schon ein Raum des Austauschs und die Welterberegion deshalb so geworden, wie sie ist. Auch Anne Catherine und ihre weiteren Partner haben bei der Vakanz auf das fließende Wasser der Donau geblickt und die Überfahrt mit dem Boot als Zwischenraum wahrgenommen, der eine andere Sicht auf die Welterberegion ermöglicht.
Ihr habt bei der Vakanz nach Zwischenräumen gesucht – und auch auf der Donau einen gefunden?
Anne Catherine: Die Überfahrt mit der Fähre macht auf jeden Fall einen Zwischenraum auf: Man hat dabei eine andere Perspektive, eine andere Geschwindigkeit, einen anderen Resonanzraum. Wir suchen bei feld72 immer nach Elementen, die nicht gleich wahrgenommen werden. So sind wir auf die Donauüberfahrt gekommen: Das ist ein Übergangsraum, der eine andere Sicht bringt.
Michael: Mit der Entschleunigung auf der Donau entsteht ein kleiner Bruch, weil es heute nicht mehr viele Momente gibt, in die wir nicht absolute Effizienz legen. Hier muss ich warten. Und da entstehen auch interessante soziale Momente. Die Überfahrt hat auch eine mythische Bedeutung, siehe Styx.
Als Outcome der Vakanz soll also ein Projekt auf der Donau entstehen?
Michael: Die Idee ist eine „Zillen-Donausafari“: Wir stellen uns ein gemeinsames Sich-Treiben-Lassen, Erkunden und Reden vor, für das wir verschiedene Leute mit aufs Boot einladen, die von dort und von fern kommen, aus verschiedenen Berufen. Um eine offene Diskussion auf der Zille anzustoßen und Fragen aufzuwerfen, zu denen es nachher eine Reflexion geben soll.
Anne Catherine: Die Zillensaison ist der Sommer. Aber wenn jemand in die Gegend zieht, muss er auch bereit sein, den Wachauer Winter mitzunehmen, also wäre es auch spannend, bei der Überfahrt mitzudenken, wie man die Wachau in einer anderen Jahreszeit in einer ganz anderen Stimmung wahrnimmt. Das ist wieder eine andere Sicht auf den Raum.

