Ein Blick auf und hinter die Kulisse

© Johannes Grossbointner
© Johannes Grossbointner

Die Fotografin Alessa Grande schreibt über sich: Sie fühlt sich zu roher Schönheit und echten menschlichen Beziehungen hingezogen und will Menschen so festhalten, wie sie wirklich sind – ungefiltert. Für die Vermessung der Wachau erwanderte sie Etappen des Welterbesteiges, und machte Halt, sobald sie spürte, dass der richtige Moment zum Abdrücken da ist. Und wenn sie Menschen begegnete, die sie porträtieren wollte.

Alles fließt: Das gilt in der Wachau nicht nur dem Donaustrom, sondern war auch das Motto für Alessa Grande, als sie mit ihrer Kamera und Wanderschuhen von Ort zu Ort streifte. Beim Gehen traf sie Menschen, die diese entschleunigende Gegend als ihren schönsten Ort zum Leben gewählt haben. Wie gut es tut, wenn man entlang des Welterbesteiges zur Ruhe kommt, das ist auch das Gefühl, das sie mit ihren Fotos von deren Gesichtern zusammen mit Geschichten dahinter weitergeben will.

Du bist losgeschickt worden, um neue Perspektiven auf das Welterbe Wachau zu gewinnen. Wie war das für dich?

Es war eine besondere Reise. Der Idee meiner Vakanz, also meiner Zeit in der Wachau, war, dass ich einen Blick auf Menschen werfe, die ich unterwegs kennenlerne, und dann porträtiere. Das hat sich fließend ergeben. Ich bin zuerst im April zur Marillenblüte gefahren und hatte da noch gar nicht im Kopf, dass ich das Projekt schon starte, ich habe also Blüten fotografiert, dort waren zufällig die Besitzer von dem Feld nebenan, mit denen bin ich ins Gespräch gekommen und beim zweiten Aufenthalt habe ich sie dann mit mehr Zeit auch fotografiert. So hat sich das die ganze Zeit weiterentwickelt.

Du hast also spontan entschieden, wen du fotografieren willst?

Ja - ich glaube, ich bin noch nie so spontan an ein Projekt herangetreten. Was mir aufgefallen ist, war, dass die Menschen in der Wachau offen sind und ich leicht mit ihnen ins Reden gekommen bin. Was sie in der Wachau machen, hat sich dann erst im Nachhinein herausgestellt, zuerst war da Neugierde.

Du beschreibst dich selbst so, dass es dir beim Fotografieren wichtig ist, hinter die Oberfläche zu blicken – und die Menschen in der Wachau haben sich also auf das eingelassen?

Sie waren sehr interessiert und so war es unkompliziert, weitere Termine auszumachen, bei denen wir einander besser kennenlernen. Dabei habe ich sie auch interviewt und noch mal mehr Einblick bekommen. Die Interviews sollen in das Projekt einfließen. Ich finde es spannend, wenn man auch etwas über die Menschen weiß und nicht nur die Porträts sieht.

Vier Tage verbrachte Alessa Grande im August im Zuge ihrer Vakanz in der Wachau, um am Welterbesteig entlangzuwandern und für den richtigen Fotomoment zu pausieren. Den ganzen Tag in Bewegung sein, genau schauen, die Natur rundum aufsaugen und spontan mit den Menschen ins Gespräch kommen: das ist der Zugang, mit dem ihre Fotografien entstanden sind. Schon vorher war sie neugierig auf die satte Landschaft und fuhr im Frühjahr zur Marillenblüte, über die sie fasziniert sagt: „vielleicht ist es das, was es ausmacht“. Daraufhin porträtierte sie einen Marillenbauer.

Du hattest unter anderem eine Begegnung mit einem Fährmeister und einer Chocolatière, also ganz unterschiedlichen Menschen.

Auch das ergab sich zufällig aus Gesprächen heraus, ich habe fünf Menschen für das Projekt porträtiert und habe neben dem Marillenbauer, dem Fährmeister und der Chocolatière auch einen Winzer, und eine Schmuckdesignerin, die gemeinsam mit ihrem Sohn arbeitet, kennengelernt. Und zwar in den Ortschaften, in denen ich etwas gemacht habe, auf den Wanderwegen ist mir oft keine einzige Person begegnet. Dort war ziemlich wenig los, das habe ich nicht erwartet.

Dein Plan war, das Welterbe Wachau beim Gehen auf dem Welterbesteig zu vermessen. Auch, wenn du die Menschen dann in den Orten getroffen hast – hat das Gehen etwas mit deinem Blick gemacht?

Auf jeden Fall. Ich finde, dass man während des Gehens so viel beobachten kann, sich viel mehr auf diese Region einlassen kann. Und es schaut an jeder Ecke anders aus, das hat mir Lust auf mehr gemacht, für den Herbst habe ich mir vorgenommen, den ganzen Welterbesteig zu gehen. Dass er nicht so frequentiert ist, macht ihn so besonders. Auf den meisten Wanderwegen in Österreich trifft man sehr viele Leute, die Wachau sticht da raus, viele sind auf dem Donauradweg oder auf den Schiffen, es verteilt sich.

Hast du die Wachau schon vorher gekannt?

Ich war einmal in Dürnstein, aber den Steig an sich habe ich nicht gekannt. Jetzt weiß ich: es ist wie eine eigene Welt. Man kommt zur Ruhe, niemand ist gestresst. Das sieht man auch bei der Fähre, die fährt los, wenn sich jemand anstellt. Es ist alles langsamer, das ist wie ein Ausbruch aus der stressigen Welt hinein in eine angenehme Atmosphäre, in der man richtig gut entspannen kann.

Was war deine Wanderoute?

Ich bin eine Etappe auf beiden Seiten der Donau gegangen und habe auch auf den unterschiedlichen Seiten gewohnt, einmal in St. Michael, dann bin ich Richtung Spitz und Weissenkirchen gegangen, einmal auf der anderen Seite bei Bacharnsdorf, dort führt der Welterbesteig auch vorbei. Ich war eigentlich den ganzen Tag unterwegs und bin weit gegangen, dazwischen habe ich schon immer wieder mal Stopps gemacht, aber sonst war ich immer in Bewegung.

Alessa Grande will hinter die Oberfläche schauen – gleich, ob sie Menschen oder die Natur fotografiert. Sie habe das Gefühl, dass einem immer mehr auffällt, wenn man sich einläss, auf das, was einem am Weg begegnet. Die Wachau war dafür der perfekte Ort für sie: Zum Runterkommen, Eintauchen, Abdrücken, Weitergehen.

Hast du die zwei Ufer unterschiedlich wahrgenommen?

Ja, auf der Nordseite habe ich mehr Menschen kennengelernt, weil mehr los ist, auf der Südseite war es ruhiger, was mich nicht gestört hat. Ich wollte eigentlich nie auf einer Seite bleiben, sondern immer beides erleben, deswegen bin ich oft mit dieser Fähre hin und hergefahren. Die Donau ist natürlich wunderschön. Dabei ist mir aufgefallen, wie viele Facetten die Wachau hat und wie speziell sie ist, und das habe ich eben auch an den Menschen wahrgenommen, die ich porträtiert habe – das waren übrigens nur Menschen, die auch dort leben und das auch wirklich gerne.

Was haben sie vom Leben erzählt?

Zwei von ihnen leben auf der Südseite und meinten, dass es schon schwierig ist mit der Verbindung zum anderen Ufer, trotzdem würden sie nicht auf die andere Seite ziehen wollen. Auch der Fährmeister, der ursprünglich aus der Ukraine kommt, fühlt sich richtig angekommen, es gibt einem schon etwas, an der Donau zu sein und nicht im Büro in der Stadt sitzen zu müssen.

Hattest du vorher ein Bild, was das Welterbe Wachau ausmacht, und bist du dann auch überrascht worden von dem, was du gesehen hast?

Es hat sich für mich bestätigt, wie malerisch jede Ecke ist, Postkartenmotive ohne Ende. Unter Welterbe verstehe ich, dass es ein außergewöhnlicher, schützenswerter Ort ist. Ohne dass mir vor meiner intensiven Auseinandersetzung mit der Gegend bewusst war, dass die Wachau Welterbe ist, finde ich merkt man total wenn man hinkommt, dass es ein magischer Ort ist.

Die Fotos von den Menschen, denen Alessa Grande in der Wachau begegnet ist, wird sie vor Ort ausstellen. Im Herbst stellt sie ihre fünf Porträts – vom Winzer Matthias Pöchlinger, von der Schmuckdesignerin Sieglinde Almetsberger und deren Sohn Fabian von Donau Stein Design, von dem Marillenbauern Herman Fechter, der Chocolatière Charlotte Wieser, dem Fährmeister Ivan Oryschyn -  in einer Pop-Up Ausstellung in der Hauptstraße 2 in Spitz aus.

 

Ein Schwerpunkt in deiner Fotografie ist auch die Natur.

Meistens ist es so: zuerst catcht mich die Natur und dann kommt der Mensch. Die Natur ist da, wir Menschen bewegen uns, für mich ist spannend, diese zwei Dinge zu verbinden. Ich fotografiere also gern den Menschen in der Natur, so habe ich es in der Wachau auch gemacht.

Also dein Zugang war: In Bewegung bleiben, aber auch mal langsam werden, genau schauen?

Das ist generell ein Lebensmotto. Wir leben ja in einer Welt in der viel los und der Zeitplan straff ist, und deswegen hat es gutgetan, das mal hinter sich lassen und sich auf die Wachau einlassen. Ich lasse mir prinzipiell Zeit beim Fotografieren, es ist nicht so mein Stil, dass ich alles festhalte, sondern ich versuche in mich zu gehen und erst dann abzudrücken. Wenn ich Porträts mache, dann merke ich schnell den richtigen Moment, wenn sich die Person wohlfühlt.

Hattest du mit den Porträtierten einen Moment, der dir besonders in Erinnerung bleibt?

Schwierig, mich für einen zu entscheiden. Als ich die Schmuckdesignerin kennengelernt habe, hat es gleich gefunkt. Sie macht Schmuck mit den Steinen aus der Donau, und ich hatte mir bei der Vakanz auch vorher schon Steine am Ufer angeschaut und fand: Die sind so besonders und bunt.